ED209: Kapitel 2 – Sozialer Konstruktivismus

Diesen Eintrag möchte ich mit einem Quiz beginnen, das auch so im Kursbuch steht und aus zwei Teilen besteht. Wer mitmacht, sollte zuerst Teil 1 lösen, ehe er/sie zu Teil 2 übergeht. Wer möchte, kann seine Lösungen gerne als Kommentar hinterlassen (oder einfach die Lösungen merken).

Teil 1

Hier sind vier Karten zu sehen, auf deren einer Seite entweder A oder D steht und auf der anderen 3 oder 7.

A D 3 7

Es gibt eine Regel, die folgendermaßen lautet: „Wenn auf einer Seite A steht dann muss auf der anderen 3 stehen.“

Welche zwei Karten muss man umdrehen, um die Gültigkeit dieser Regel zu überprüfen?

Teil 2

In einer Kneipe steht auf einem Schild, dass Getränke nur an Personen über 18 Jahre ausgeschenkt werden. Es sitzen vier Personen am Tresen, von zwei der Personen ist das Alter bekannt, bei den anderen beiden sieht man, was sie trinken:

  • Sabine trinkt ein Bier.
  • Andrea trinkt eine Cola.
  • Hanna ist 30 Jahre alt.
  • Jennifer ist 16 Jahre alt.

Welche beiden Personen müsste man nun ansprechen und befragen um herauszufinden, ob die Regel, dass nur an über 18-Jährige Alkohol ausgeschenkt wird, auch eingehalten wird?
[1]

Die Lösungen liefere ich ganz am Ende dieses Beitrags.

Aber nun zum eigentlichen Thema, dem sozialen Konstruktivismus. Dahinter steht der russische Psychologie Lew Wygotski (oder englisch: Lev Vygotsky). Er kam, unabhängig von Piaget im Konstruktivismus, zu ähnlichen Schlüssen. Allerdings war er der Meinung, dass die soziale und kulturelle Welt um ein Kind herum einen großen Einfluss ausüben.

In diesem Zusammenhang erkannte er, dass Menschen sog. kulturelle Werkzeuge einsetzen, um Dinge zu erreichen und diese dann an die nächste Generation zu übergeben. Zu den kulturellen Werkzeugen zählt z.B. die Sprache, die jeweils so angepasst wird, damit das erreicht werden kann, was für die jeweilige Generation von Notwendigkeit ist (ähnlich einem Hammer, der sich von verschiedenen Generationen über die Jahrtausende verändert wurde, um ihn den verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten anzupassen).

In diesem Zusammenhang sieht Wygotski auch Lernen. Kindern erlernen ihr Wissen von älteren Generationen und passen es durch soziale Interaktion für die eigene Anwendung an. Daher ist für den sozialen Konstruktivismus ganz wichtig, dass Kinder Lehrer haben. Am besten lerne man, wenn es eine sogenannte Ungleichheit im Wissen und den Fähigkeiten zweier Personen gibt. Daraus entstünde dann die Zone der proximalen Entwicklung: Der Unterschied zwischen dem, was ein Kind ohne Hilfe könne und dem, was es mit Hilfe einer fähigeren Person zustande bringe. Dabei müsse die Hilfe und Unterstützung der fähigeren Person wie ein Gerüst langsam entzogen werden, damit das Kind das Gelernte für sich anpassen könne.

Für das Lernen bzw. die Entwicklung liefert der soziale Konstruktivismus also zwei Wichtige Aussagen: Zum einen benötigen wir den sozialen Kontext, zum anderen brauchen wir Lehrer, um uns Wissen und Fähigkeiten aneignen zu können.

Und nun zur Lösung des Rätsels:
Für Teil 1 ist die häufigste Antwort, dass man die Karten A und 3 umdrehen müsse, um die Regel zu testen. Das stimmt aber nicht. Um wirklich herauszufinden, ob die Regel eingehalten wird, müssen die Karten A und 7 umgedreht werden. Wenn auf der Rückseite der Karte 7 ein A aufgedruckt wäre, hätte man die Gültigkeit der Regel widerlegt. Ausserdem sagt die Regel nichts darüber aus, dass auf der Rückseite einer 3 immer A stehen muss (die Regel geht nur auf die Rückseiten der A-Karten ein).
Teil 2 machen die meisten Menschen immer richtig, sie wählen nämlich Sabine und Jennifer aus der Liste aus. Wenn man sich aber die Logik ansieht, muss man bei Teil 2 genauso vorgehen wie bei Teil 1. Es ist im Grunde dieselbe Fragestellung, nur einmal abstrakt und einmal im sozialen Kontext. Und genau das Wissen um den sozialen Kontext ist das, was uns ermöglicht, die korrekt Antwort in Teil 2 zu wählen.

[1]:Oates, J., Sheehy, K., Wood, C. (2005). Theories of development. In: Oates, J., Wood, C., Grayson, A. (eds) Psychological Development and Early childhood, (pp. 47-88). Milton Keynes: The Open University.

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